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Geschichte der Regionalbanken

Erfahren Sie hier mehr über die Herkunft und Beweggründe der Schweizer Regionalbanken und Sparkassen.
1787: Eröffnung der «Dienstenzinscassa»

Die Entwicklung des Sparkassen- bzw. Regionalbankenwesens in der Schweiz fällt in das erste Quartal des 19. Jahrhunderts und steht im Zusammenhang mit der beginnenden Industrialisierung sowie der Ausdehnung der Geldwirtschaft. Sparen zur Vermögensbildung war bis ins 18. Jahrhundert in den wenig bemittelten Kreisen weitgehend unbekannt. Dies sollte sich mit den Sparkassen verändern, denn bis zur Eröffnung der «Dienstenzinscassa» in Bern im Jahr 1787 existierten in der Eidgenossenschaft keine Finanzinstitute, welche Kleinstbeträge von Dienstpersonal, Handwerkern und Arbeitern entgegennahmen und verwalteten. 

Gründungen von Sparkassen

Zu Beginn konzentrierte sich die Sparkassengründung auf die Städte. Ab 1816 breiteten sich die Sparkassen auch in den ländlichen, vorwiegend reformierten Regionen aus. Anfänglich standen die Sparkassen fast ausschliesslich den ärmeren Bevölkerungsschichten offen.  

Industrialisierung führt zu ehrenamtlich verwalteten Sparkassen

Die Mechanisierung der Textilindustrie brachte die Seiden- und Wollverarbeitung an den Zürichsee (Wädenswil, Horgen etc.), mechanische Spinnereien ins Glatttal und in andere Gebiete des Mittellandes und der Ostschweiz. Die Handstickmaschine belebte das Appenzell. Waren die aufsteigenden Unternehmer zunächst bei der Selbstfinanzierung geblieben, so änderte sich die Situation um 1820, mit der abschliessenden Mechanisierung der Spinnerei. Nun benötigten Unternehmer vermehrt Geld, und Leute suchten nach einer Gelegenheit, ihre kleinen Ersparnisse sicher anzulegen. So entstanden zwischen 1815 und 1840 in der Schweiz 132 Sparkassen, davon 106 in den industrialisierten Gebieten der Kantone Aargau, Bern, Zürich, Appenzell Ausserrhoden und Waadt. Die frühen Sparkassen wurden in der Regel ehrenamtlich verwaltet, womit der Betriebsaufwand sehr gering gehalten werden konnte. Sie waren streng regional ausgerichtet, meist auf die eigene Gemeinde, Stadt oder das umliegende Oberamt bzw. ab 1831 den Bezirk. Als Trägerschaft traten gemeinnützige Gesellschaften, Vereine oder Kommunen auf. 


1850: Grösste Bankendichte Europas

Ende der 1840er-Jahre brachte eine Depression die Sparkassenbewegung erstmals in Bedrängnis, zahlreiche Kleinsparkassen sahen sich gar gezwungen, ihren Betrieb einzustellen.
Im Jahr 1850 waren in der Schweiz neben etlichen, meist alteingesessenen Privatbanken die Bank Leu, fünf Kantonal-, drei Hypothekar-, zwölf Lokalbanken und 150 Sparkassen tätig. Die 150 Sparkassen vereinigten die Hälfte des Bilanzsummentotals aller Banken und Finanzinstitute in der Schweiz. Gemessen an der Bevölkerungszahl, bestanden um 1850 in der Schweiz mehr Sparkassen als in allen anderen Ländern Europas.

Aus Sparkassen werden Kreditinstitute

In den 1860er-Jahren setzte ein Form- und Funktionswandel des Sparkassensektors ein. Die Kassen veränderten sich vom sozialpolitischen Projekt zum multifunktionalen Kreditinstitut. Obwohl die Regionalbanken und Sparkassen seit ihrem Aufkommen ein starkes Wachstum aufwiesen und Wesentliches zum Aufbau des schweizerischen Bankensystems geleistet hatten, verloren sie als Bankengruppe ab 1860 an Bedeutung. Grosse Konkurrenz erwuchs ihnen durch die Kantonalbanken und durch die Gründung zahlreicher Lokalbanken (u.a. Raiffeisenkassen), die dank grösserer Eigenmittelbasis mehr Freiheiten in der Kreditgewährung besassen und den wachsenden Kreditbedürfnissen der mittelständischen Betriebe besser Rechnung tragen konnten. 1860 bis 1880 entstanden zudem zahlreiche lokale Kreditinstitute, die nach dem Motto "Volksbank gegen Herrenbank" auf die Bedürfnisse des Handwerks und des Mittelstands zugeschnitten waren. 

Ende des 19. Jahrhunderts: Zusammenschlüsse

Eine weitere Gründungswelle ging aus Umgruppierungen von regionalen Kreditinstituten hervor. 1862 wurde die „Bank in Winterthur“ eingerichtet – ursprünglich um ein lokales Lagerhaus im neu entstandenen Eisenbahnknotenpunkt zu betreiben –, die 1912 mit der Toggenburger Bank zur Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) fusionieren sollte. Die 1869 errichtete Berner Volksbank nannte sich ab 1880 Schweizerische Volksbank und erreichte neue Dimensionen. Die Basler Privatbankiers, denen der Aufstieg dieses neuen Bankentyps zusetzte, schlossen sich nun selbst zusammen. Sie taten dies zuerst unter dem Namen Basler Bankverein (1872), dann nach einem Zusammenschluss mit weiteren Instituten im Jahr 1895/96 mit dem Namen Schweizerischer Bankverein (SBV). Damit hatten sich die wichtigsten Banken etabliert, denen im 1. Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit die Rolle zukam, die Schweiz zu einem internationalen Umschlagplatz für Kapital werden zu lassen.

Gründung der SNB

Eine Zentralbank, letztes noch fehlendes Element im schweizerischen Bankensystem, erhielt 1905 eine gesetzliche Grundlage und wurde 1907 als Schweizerische Nationalbank (SNB) gegründet. Die Gründung der SNB löste eine erste Konzentrationswelle aus, da mit der Einführung des Banknoten-Monopols viele regionale Notenbanken überflüssig wurden. Insgesamt verringerte sich die Zahl der Banken im Zeitraum 1908 bis 1920 von 458 auf 371. Allein in den Jahren 1910 bis 1913 erlitten 45 Lokal- und Regionalbanken Verluste in der Höhe von 112 Mio. Franken, was dem Budget der Eidgenossenschaft von 1912 entsprach.

Boom gefolgt von Weltwirtschaftskrise

Nach dem 1. Weltkrieg – zwischen 1926 und 1930 – boomten die Schweizer Banken. Im Gefolge Weltwirtschaftskrise und während der schweizerischen Krise in den Dreissigerjahren hatten nahezu alle Banken mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. 

Nach dem 2. Weltkrieg: Aufschwung und Bauboom

Die Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg waren geprägt vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung, verbunden mit einem Bauboom. In den 1960er-Jahren herrschte Hochkonjunktur und die Sparkassen konnten ihre Stärke im klassischen Zinsengeschäft mit Hypothekar- und Unternehmenskrediten sowie im Spar- und Anlagegeschäft ausspielen. Nach wie vor waren sie ihren Kunden nah, waren mit den lokalen Verhältnissen und regionalen Wirtschaftskreisläufen vertraut. Der Boom endete mit der Rezession in den 1970er-Jahren.

Gründung Verband Schweizer Regionalbanken

Die meisten Regionalbanken und Sparkassen schlossen sich 1971 zum Verband Schweizer Regionalbanken zusammen und schufen damit eine gesamtschweizerische Dachorganisation. 

Immobilienblase, Regionalbankenkrise & mehr EBK-Einfluss

Ein erneuter Aufschwung mündete Ende der 1980er-Jahre in einer konjunkturellen Überhitzung, in deren Folge die Immobilienpreise stark anstiegen. Das Hypothekargeschäft erlebte einen Höhepunkt und wurde von den Finanzinstituten als sicheres Geschäft eingeschätzt. Entgegen dieser Annahme fielen die Immobilienpreise anfangs der 1990er-Jahre drastisch. Regional verwurzelte Banken waren von diesem Preiszerfall am meisten betroffen. Ein exemplarisches Beispiel für diese Krise stellt die Spar- und Leihkasse Thun dar. Auch sie schätzte das Risiko der Belehnung von Immobilien falsch ein. Aufgrund der drastischen Wertberichtigung entstanden Verluste, welche die Eigenmittel der Spar- und Leihkasse Thun überstiegen.
Die Regionalbankenkrise hinterliess ihre Spuren im schweizerischen Bankensystem: Zwischen 1990 und 1995 ging die Zahl der in der Schweiz tätigen Banken von 625 auf 413 zurück. Der grösste Teil des Rückgangs entfiel auf die Regionalbanken und Sparkassen: Von rund 200 Banken im Jahre 1990 verschwand innerhalb von fünf Jahren gut ein Drittel bzw. innerhalb von zehn Jahren gar die Hälfte. Auch einige Kantonalbanken benötigten Unterstützung oder wurden übernommen. Die Immobilien- und Regionalbankenkrise führte in der Schweiz zu einer Konsolidierungswelle bei den Regionalbanken. Das Fiasko der Spar- und Leihkasse Thun 1991 sorgte trotz weiteren dramatischen Vorkommnissen bei Regional- und Kantonalbanken auf mehreren Ebenen für einen Gesundungsprozess in der Branche. So wurden im Interesse des Gläubigerschutzes die Vorschriften zur Rechnungslegung ausgebaut, die Eigenmittelvorschriften verschärft sowie die Einflussmöglichkeiten der Eidgenössische Banken-kommission (EBK) auf die Revisionsstellen verbessert.

Gründung der RBA-Holding

Im September 1994 gründeten 98 unabhängige Regionalbanken und Sparkassen als Folge der Immobilienkrise, höheren regulatorischen Anforderungen und steigenden Preisen die RBA-Holding. Der 1971 geschaffene Verband war mit der damaligen Organisation den neuen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. Das beabsichtigte Sicherheits- und Solidaritätsnetz sollte das Vertrauen der Kundschaft zurückbringen. Dies gelang rasch und nachhaltig.

Heute

36 der 63 Schweizer Regionalbanken und Sparkassen sind heute Aktionäre und Kunden der RBA-Holding. Die RBA-Holding vertritt die Interessen der RBA-Banken auf dem schweizerischen Finanzplatz und bietet den Beteiligten und anderen Instituten weitere Dienstleistungen an. Die angeschlossenen Banken agieren weiterhin als selbständige Institute. 2014 feiert die RBA-Holding ihr 20-jähriges Bestehen.
Heute sind 1/5 (22%) aller Banken in der Schweiz Regionalbanken und Sparkassen, welche insgesamt ca. 10‘000 Mitarbeitende beschäftigen. Ihr Anteil an der Bilanzsumme aller Banken in der Schweiz zusammen beträgt noch knapp 4%.  

 


Weiterführende Literatur zu diesem Thema
  • Ritzmann, Franz: Die Schweizer Banken. Geschichte – Theorie – Statistik , 1973
  • Geschichte der Schweizer Banken, hg. von Louis H. Mottet, 1987
  • Ziegler, Suzanne: Rückblick auf die Regionalbankenkrise. Lehren aus dem Fall der Spar- und Leihkasse Thun, in: Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2001
    www.nzz.ch/aktuell/startseite/article7PMI9-1.495507 [Stand: 11.08.2014]
  • Hauser, Albert: Von der Donnerstag-Gesellschaft zur Regionalbank: Sparkasse Wädenswil – Richterswil – Knonaueramt 1816 – 1991, 1991
  • Bergier, Jean-François: Die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz: von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1983
  • Körner, Martin: Die Schweiz 1650-1850. In: Fischer, Wolfram, et al., ed. Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 1993,  S. 589-617